Daft Punk / Phillipshalle / 29. Juni
Während ich mich, nach bester deutscher Art, ordentlich am Ende der Schlange einordne, schießen mir die Worte von Hans Hoff durch den Kopf. Fahrstuhlmusik. Umhängetaschen und Brille tragende Fans. Mein Blick schweift durch die Schlange. Hat er möglicherweise Recht mit seiner Beschreibung? Pitschenass und mit starrendem Blick merke ich, dass eine Zuordnung unmöglich ist. Alles und jeder scheint irgendwo vertreten zu sein. Von "ich lese die smag und cocoon ist der beste club der welt", über "ich studiere geschichte aber auf magister", bis hin zu "ich stehe auf der gästeliste deswegen bin ich hier" ist alles vertreten.
Plötzlich beginnt die Schlange sich zu bewegen und bevor ich mich versehe, stehe ich schon im Innenraum. „Wann warst Du das letzte Mal in der Philipshalle?“ frage ich mich leise selber. Auch wenn alles gleich geblieben ist, scheint sich mal wieder alles verändert zu haben. Ich streife von einem Stand zum anderen. Möchte ich was trinken? Wodka wäre nicht schlecht. Aber irgendwie gibt es nur Bier. Aber dafür Bier mit Cola, Bier mit Lemon und Bier mit Energy-Drink. Ich passe und bewege mich zielstrebig auf den T-Shirt-Stand zu. Fünfundzwanzig Euro. Ein Blick in mein Portemonnaie. Dort fünfunddreißig Euro. Unentschlossen und immer noch nass betrete ich den Innenraum. Mit dem hellen Parkettboden und den dunklen Vorhängen erinnert dieser jedoch eher an eine Schulaula, als an einen Konzertsaal. Lediglich der aufheizende DJ weißt mich - alles andere als dezent - darauf hin, dass hier und heute elektronische Musik gespielt wird. Laut, dröhnend und hämmernd bringen mich seine Platten erst zum Lächeln und dann zum Tanzen. Ich merke jetzt erst wie aufgeregt ich eigentlich bin. Daft Punk live. Das ist doch was.
Ich tanze nun schon ungefähr eine halbe Stunde und merke, dass ich es nicht mehr lange aushalte. „Wann machen die endlich das Licht aus?“ frage ich irgendeinen Fremden neben mir. Überrascht von direkter sozialer Interaktion schaut er mich an und zuckt desinteressiertes mit den Schultern. Mir fallen seine Hornbrille und die ausgefranste Umhängetasche auf. „Schon gut“ sage ich zu ihm und drehe ich mich um. Auf Tanzen habe ich keine Lust mehr. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Minütlich blicke ich auf die Uhr meines Handys. Bei jedem neuen Track Frage ich mich, ob es der letzte, der abschließende sein könnte.
Das Licht ist aus. Mein Herz rast. Der erste Beat trifft mein Ohr, das erste Blitzen triff mein Auge. Ich tanze wie wild zu Robot Rock. Aus Regen wird Schweiß. Der erste Akt beginnt. In einer dreieckigen Kanzel aus Licht stehen zwei Androiden. Sie halten uns aber keine Predig. Sie laden uns auf eine Reise ein. Eine Reise durch Zeit und Raum, durch Fleisch und Strom.

Eine riesige Laufschrift macht uns deutlich, dass wir nicht nur Gast sind. Auch wir bestehen aus Elektronen und Ionen. Gemeinsam schweben wir durch die technologische Welt. Durch das bunte Strobolicht jeder Disko, durch den Sternenhimmel eines Bildschirmschoners, durch das Rauschen eines längst abgeschalteten Senders bis hin zum grünen Regen der Matrix. Einmal Around the World, bitte. Wir kommen mit einer sanften Ladung zum halt.

Der zweite Akt beginnt hart. Verschwunden sind die Discomelodien, die weichen Roboterstimmen, das frohe Licht. Nun hämmern die Bässe und kurze Loops zwingen zum schnellen Tanz. Wir sind im Inneren angekommen. Haben Kultur und Kunst hinter uns gelassen. Wir schnellen an Atomen vorbei, kreuzen die DNA von Zellkerne und lösen uns schließlich im Zentrum der Sonne auf.
Plötzlich Stille. Es ist dunkel geworden. Irgendwo erklingt eine Glocke. Im dritten Akt wird das Raumschiff nun doch zur Kanzel. Die sanften Roboterstimmen sind wieder zu hören. Wir stimmen sofort im Chor ein. Wir haben das Innerste gesehen und fliegen in Digital Love zurück. Jegliche Angst ist verschwunden. Wir lassen uns gehen. Auch wir sind Androiden. Wir sind unter Brüdern und die Reise ist zu Ende. Wir beklatschen uns neuen Freunde und sie beklatschen uns. Mit einem Gefühl der Befreiung blicken wir auf das Dreieck. Es ist leer. Einmal wollen wir mit ihnen noch tanzen. Zugabe!
Diesmal ist das Warten keine Ewigkeit. Wir wissen sie kommen noch einmal zurück. Und da ist es auch wieder: das Licht, der Bass. Aber was ist geschehen? Auf dem Raumschiff sind Bilder von Menschen zu sehen. Auch die Laufschrift scheint uns verhöhnen zu wollen: Human blinkt uns provozierend ins Gesicht. Sind unsere Freunde etwa doch nicht das für was wir sie halten? Sind sie etwa Human after all? Wir dann etwa auch? Eine zweite Welle der Erlösung trifft uns. Wir lassen uns darauf ein und feiern unsere Menschlichkeit. Doch dann der zweite Schock. Erneut Dunkelheit. Als es wieder hell wird leuchten nur noch die Umrisse unserer Piloten auf. Sie haben ihre Körperlichkeit, ihre Menschlichkeit verloren. Sie sind nicht wie wir. Und wir nicht wie sie. Freunde sind wir trotzdem.

Das Licht geht an. Langsam gewöhne ich mich wieder an meinen Körper. Das muss ich auch. Die Bewegung der Menge führt mich nach draußen. Ich halte meine Hand unter den freien Himmel. Es hat aufgehört zu Regnen.
So bekomme ich wenigstens keinen Kurzschluss.








