Mittwoch, Mai 09, 2007

Spiderman - Eine Demontage

Überrascht es irgendwen, dass ich jetzt über Spiderman 3 schreibe? All diejenigen, die mir ein notorisches Dagegen-sein attestieren, können nun ihren Checkliste zücken und zufrieden vor sich hin nicken - es wird mal wieder gehasst. Diesmal ist alles aber ein bisschen anders. Denn im Gegensatz zu Peter Jackson Filmen habe ich mich wirklich, wirklich, wirklich auf Spidey's dritten Filmauftritt gefreut, zumal der Vorgänger wirklich sehr unterhaltsames Popcorn-Kino war. Außerdem verbinde ich mit Spiderman viele schöne Erinnerungen.

So habe ich damals als kleiner Furz jede Ausgabe des Comics am Tag ihres Erscheinens beim Kiosk neben der Wohnung meiner Oma gekauft und sie umgehend auf dem gemütlichen Ohrensessel im Wohnzimmer verschlungen. Noch ein Grund für mich, den Film nahezu herbeizusehnen war Venom, seit jeher einer meiner Lieblingscharaktere aus der Vorlage. Für uneingeweihte Philosophiestudentinnen und Programmkino-Gänger: Venoms Alter Ego Eddie Brock ist ein unsicherer, geltungsbedürftiger und neurotischer junger Mann, der erfolglos und von Neid zerfressen ein Mittel sucht, um sich an seinen Peinigern zu rächen. Seine Ohnmacht endet mit seiner Fusion mit einem außerirdischen Symbioten, der ihm Mittel und Ausdruck seiner Rache zugleich ist und mit ihm einen unstillbaren Hass auf den allseits beliebten Spiderman teilt, der den Parasiten aus dem All zuvor verstoßen hatte. (Take note, Schicksalsgöttinnen: Sorgt dafür, dass ich niemals auch nur in die Nähe von außerirdischen Symbionten komme!)

Venom, Projektionsfläche von Bettnässern weltweit


Dies alles sind doch gute Voraussetzungen, sollte man meinen und tatsächlich habe ich die ersten neunzig Minuten des Films wirklich genossen. Die letzte Stunde aber möchte ich vom Rest des Films trennen und Spiderman 3.5 -Scriptwriter's Hell nennen. Im letzten und vorletzten Akt werden nämlich alle Fehler des Films so überdeutlich, dass sie den ganzen Film in den Abgrund der absoluten Lächerlichkeit ziehen. Erst dann wird dem geneigten Publikum nämlich gewahr, was für wahnwitzige Zufälle und Ungereimtheiten man seit der Anfangssequenz man wohlwollend übersehen hatte. Analog zum wirren Verlauf des Films meine Hauptkritikpunkte völlig ungeordnet und natürlich nicht frei von Spoilern.

1.) Das Universum ist riesig, um nicht zu sagen: Unendlich groß. Für unsere beschränkte Vorstellungskraft eigentlich nicht fassbar, Die klügsten Köpfe der Menschheit wagen es entsprechend nicht, das Ausmaß des Kosmos genau zu bestimmen. Die Lobotomie-Kandidaten aus dem Spiderman-Produktionsteam sehen das ganze allerdings offensichtlich nicht so eng: Von allen möglichen und unmöglichen Orten im Universum landet der außerirdische Symbiont natürlich genau neben Spiderman. Und wenn ich "genau neben" sage, meine ich nicht "auf dem selben Plantet/Kontinent/Stadtteil", sondern fast auf seinem verschissenen Hitler-Gedächtnis-Scheitel! Damit enden die obskuren Zufälle um den schwarzen Schleimklumpen übrigens noch lange nicht! Ohne nähere Erklärung
-findet Venom im Laufe des Films beispielsweise den Sandman in einer der hinterletzten Ecken
New Yorks. Im Dunkeln.
-steigt eine übrigens sehr aufdringlich zickige Mary Jane in exakt das Taxi ein, in dem Venom auf sie lauert. Ich möchte betonen, dass es in New York in etwa genauso viele Taxis gibt, wie es Hurenhäuser in Kaarst.
-betritt Eddie Brock genau die Kirche in genau dem Moment, in der Spiderman zufällig eine Möglichkeit findet, sich vom Latex-Alien befreien. Ich wiederhole: ZUFÄLLIG genau die Kirche, ZUFÄLLIG genau in dem Moment, in dem Spidey ZUFÄLLIG erkennt, dass lautes Greinen ausreicht, um den Wackelpudding aus der Hölle zu vernichten.

2.) Menschen ändern sich, Meinungen ändern sich, Motivationen ändern sich. Wir alle kennen es, wenn Bekannte und Freunde unerwartete Entscheidungen treffen oder unvorhersehbar Handeln. Spiderman 3 treibt dieses Phänomen aber auf die Spitze, besonders beim Charakter Sandman, aka. der Semi-Schizo in Kotzgrün. Zuerst ein kleines Licht in der Unterwelt, der niemandem wehtun will, aber immer zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Ein liebenswerter Loser also. Warum er sich dann aber ausgerechnet mit Venom, Ausgeburt des Sadismus und der Bosheit verbündet?
Warum er dann nach dem Endkampf - den er qua faktischer Unbesiegbarkeit übrigens problemlos gewinnen müsste - urplötzlich wieder in den Kuhaugen-Modus wechselt? (Übrigens: Penetranteste Nahaufnahme ever!)
3.) Wer auch immer die grandiose Idee hatte, den Butler von Harry als Deus ex Machina zu verwenden: Ihr würde dir zu gern in die Luftröhre kacken, Arschnase. Man bedenke, wir reden hier vom teuersten Film aller Zeiten. Unzählige kreative Köpfe arbeiten monatelang an den kleinsten Details, nur die Besten der Besten tragen ihren Teil dazu bei, aus dem Film eine unvergessliche Erfahrung für Millionen Filmfans weltweit zu machen! Und was kommt bei diesem Gipfeltreffen von Talenten am Ende raus? Ein Monolog wie dieser: "Oh, Master Harry. Ich hätte Ihnen dies schon seit dem ersten Teil offenbaren können, aber als unbegreifliche Entität der Unendlichkeit jenseits aller menschlichen Vorstellungskraft entscheide ich, dass es erst jetzt nötig ist, Ihnen zu sagen, dass ich die ganze Zeit über wusste, dass Ihr Vater nie der Wohltäter war für den Sie in halten. Nein, stattdessen war er tatsächlich der kinderfressende Hurenbock, der er auf dem riesigen Wandgemälde in ihrem Schlafzimmer zu sein scheint. Ihr Groll gegen ihren Freund ist die ganzen Jahre über also völlig unbegründet gewesen. Ist das nicht amüsant? Die ganze Zeit hätte ich Ihnen die seelischen Höllenqualen ersparen können, schließlich war ich immer zugegen. Aber wissen Sie was? MIR WAR EINFACH NICHT DANACH! Ich heiße übrigens gar nicht Bernhard, sondern Gr'zuhl der Klötenklappser und bin bekannt als der interplanetare Zertrümmerer von Subplots."

4.) Hab ich erwähnt, wie sehr ich Venom liebe? Ich weiss zufällig, dass es dem Rest der potenten Männer weltweit genauso geht. Wieso quetscht man den Liebling alles Fans dann so lieblos ins letzte Drittel des Films? Weil die Mehrheit der Spielzeit mit Tobey Maguires Kajalstift vergeudet wurde.
I wish my lawn was emo, so it would cut itself.

Wie stellt man den charakterlichen Niedergang eines Helden am überzeugendsten dar, wenn man gerade keinen Schauspieler parat hat? Genau, einmal durch die Haare wuscheln und eine dezente Linie Kajal unter dem Augenlid zeichnen und fertig ist der CSU Generalsekretär des Grauens.

5.) Erinnert sich noch jemand an den ersten Teil? Ein unterdurchschnittlicher Film, ich weiss. Aber dennoch: Spiderman ist dort auf der Jagd nach dem Mörder seines Onkels, den er schließlich vom Dach eines Hauses schubst (oder ihn zumindest nicht rettet). Jetzt stellt sich plötzlich heraus: Der war's gar nicht. Müsste das nicht strenggenommen einen riesigen moralischen Konflikt auslösen? Capt. Memme hat definitiv das Blut Unschuldiger an seinen Händen kleben! Damit ist Peter Parker in guter Gesellschaft und kann beim nächsten Vereinstreffen von "Menschenfeind United e.V." direkt neben Hilter, Jack the Ripper und den Beführwortern des Tornardo-Einsatzes Platz nehmen.

6.) In New York werden radioaktive Testgelände übrigens durch dickmaschige Maschendrahtzäune von der Außenwelt abgegrenzt. Unmittelbar hinter dem Zaun befindet sich dann ein dreißig Meter tiefes Loch, in dem mit Nano-Technologie ein Mittel gegen Krebs gesucht wird. Oder was immer man mit einer Turbine, Strom und Sand sonst so alles anstellen kann.